Wir kennen Kunst überwiegend als von Menschenhand geschaffenes, vollendetes Werk, das als feststehende Einheit in die Welt gegeben wird. Es gibt jedoch auch Kunstwerke, bei denen die Natur die impulsgebende Gestaltungskraft ist, und die sich auch nach ihrer Fertigstellung noch verändern können. Bisweilen stellt auch der Entstehungsprozess an sich das Werk dar und nicht sein finales Ergebnis. Den Blick auf die kreativen natürlichen Vorgänge zu richten ist das Anliegen der Prozesskunst.
Als eine Kunstrichtung, die etwa zu der Zeit aufkam, als sich die Kunst in der bekannteren Land Art und Performance Art zunehmend von traditionellen Medien wie Leinwand oder Papier befreite, findet die Process Art ihre wandelbare Form im Flüchtigen, Veränderlichen und auch im eigenständig Wachsenden. Das prädestiniert sie für die Arbeit mit biologischen Mitteln. Die Bio Art, die sich in der zeitgenössischen Kunst aus der Process Art entwickelte, nutzt biologische Prozesse und Systeme im Zusammenspiel mit Technologie als künstlerische Ausdrucksmittel. Die forschende Arbeit mit lebenden Materialien und mit Methoden der Biotechnologie lässt eine Künstlerin zur Naturwissenschaftlerin werden, deren Fokus es ist, ethische und gesellschaftliche Fragen zu untersuchen und somit neue gedankliche und praktische Zugänge zu anderen Wahrnehmungsformen und Zukunftsentwürfen zu erschließen. Das Spektrum biologischer Medien und Verfahren, die zu Kunst werden können, ist breit gefächert und reicht von programmierten Zellsimulationen über Tissue Engineering bis zu intelligenten Pilzkulturen. Mit der Process Art und der Bio Art lassen sich naturwissenschaftliche Recherchen betreiben und sachliche Überlegungen anstellen, die in ästhetisch ansprechende, räumlich gestaltete Versionen übersetzt werden können.
Bei gewerk in the garden 5 „Natur als Gestalterin. Biologische Prozesse als künstlerisches Material“ wird uns die Künstlerin Theresa Schubert zwei ihrer Projekte vorstellen, die Wissenschaft, Technologie, Kunst und Raum verbinden: Always Dead and Alive und Sound for Fungi. Die Kuratorin Sarah Maske kontextualisiert diese Projekte im Zusammenhang mit Prozesskunst und immersiven Rauminstallationen.
Dr. Theresa Schubert ist Künstlerin und Forscherin. Mit einer Promotion in Medienkunst an der Bauhaus-Universität Weimar fokussiert sie ihre künstlerische Arbeit auf technologisch-biologische Installationen, die den Anthropozentrismus – ein um den Menschen zentriertes Weltbild – in Frage stellen. Eigene naturwissenschaftliche Forschung übersetzt sie in räumliche Kunstinstallationen, die oft eine technologische oder mediale Komponente haben. Ihre preisgekrönten Werke werden international ausgestellt (z.B. im Futurium Berlin, auf dem Ars Electronica Festival in Linz oder auf dem Electro Fringe Festival in Australien) und sie initiiert laufend selbst Ausstellungen und Rechercheprojekte.
Sarah Maske ist freie Kuratorin, Projektleiterin und Nachhaltigkeitsmanagerin. In ihrer langjährigen akademischen und institutionellen Forschung an der Universität Potsdam (Brandenburgisches Zentrum für Medienwissenschaften) und am ZKM | Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe befasste sie sich mit prozessbasierter, ökologischer Kunst als Inspirator für Zukunftsmodelle, in denen sich die Grenzen zwischen Mensch, Natur und Technologie auflösen. Als Kuratorin war sie zuletzt für die Daimler Art Collection tätig. Ihr Langzeitprojekt „Sandsturm“ in Istanbul und Berlin nimmt globale Ökologieprozesse in den Blick. Eine in Berlin gezeigte Ausstellung zum Thema Prozesskunst, die sie in einem Essay kommentierte, war The Process of Becoming in der Galerie im Körnerpark.
Projektteam
Gewerkdesign
Stefan Rothert
Birgit Schlegel
Jens Imig
Kristina von Bülow
Christina Storch
Antoine Laurent