Der Diskurs um Nachhaltigkeit ist allgegenwärtig: kaum ein anderer Begriff hat sich in den letzten Jahren derartig im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert.
Dabei beschränkt sich dieser längst nicht mehr nur auf ökologische Fragen. Auch im zwischenmenschlichen Miteinander versuchen wir sozial nachhaltige Entscheidungen zu treffen und kaum ein Unternehmen macht sich das Buzzword der Nachhaltigkeit nicht in irgendeiner Form zu Nutze, um für unterschiedlichste Produkte und Dienstleistungen zu werben, neue Schichten von Käufer*innen zu gewinnen und Profite zu maximieren.
Was aber ist Nachhaltigkeit wirklich – jenseits des inflationären Gebrauchs als sprachliche Modeerscheinung? Was schließt der Begriff heute alles ein? Welche Komponenten, welche Dimensionen müssen mitgedacht werden? Und was bedeutet Nachhaltigkeit im Bezug auf Kultur oder konkret für den Design- und Ausstellungskontext?
Diese und ähnliche Fragen möchten wir gemeinsam auf der zweiten Veranstaltung unserer Reihe „gewerk in the garden“ diskutieren. Hierzu haben wir Referent*innen aus unterschiedlichen Disziplinen eingeladen, die uns mit impulsgebenden Vorträgen einen theoretischen sowie praxisorientierten Einblick in das Thema gewähren.
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Projektteam
Gewerkdesign
Stefan Rothert
Birgit Schlegel
Jens Imig
Christina Storch
Antoine Laurent
Jens H. Lohmann
Resümee
Die Philosophin Eva-Maria Heinze beleuchtete Nachhaltigkeit in ihrem Vortrag aus der Perspektive Praktischer Philosophie, welche sich als wissenschaftliche Auseinandersetzung mit menschlichem Handeln und dessen normativer Beurteilung versteht. In Anlehnung an die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben nach Albert Schweitzer (1875–1965) erläuterte sie die Zusammenhänge von Ethik und Kultur und verwies dabei auf die enge Verzahnung im Verhältnis von Kultur und Natur, welche keinesfalls als dichotome Konzepte oder Sphären gedacht, sondern als zusammengehörig und reziprok begriffen werden müssen; schließlich meint Kultur im ursprünglichen Sinne vornehmlich die Kultivierung von Leben.
Als Vordenker einer globalen Kultur der Nachhaltigkeit vertritt Schweitzer eine biozentrische Naturethik, welche sämtliche Lebewesen, einschließlich pflanzlicher Organismen, als ethisch bedeutsam erachtet. Seine Ethik ist als Gesinnungsethik zu verstehen. Ihm geht es um eine generelle Haltung gegenüber dem Leben in all seinen Formen und Ausprägungen. Danach sind Handlungen, wie etwa die mutwillige Zerstörung von lebenden Organismen und natürlichen Dingen abzulehnen, da sie auf einer negativ-verneinenden Einstellung zur Natur basieren.
An die Philosophie Albert Schweitzers anknüpfend stellte Dr. Heinze die Ethik des Mitseins des Philosophen Klaus Michael Meyer-Abich (1936–2018) vor, welche eine Erweiterung des Nachhaltigkeitsbegriffs Schweitzers darstellt. Hierbei handelt es sich um eine physiozentrische (ganzheitliche) Naturethik, welche auch explizit Teile der augenscheinlich unbelebten Natur (wie etwa Mineralien oder Gestein) sowie die vier Elemente, welche als Grundlage jeglichen Lebens verstanden werden, als ethisch relevant begreift.
Auf diesen theoretischen Einstieg in die Thematik folgte mit dem Vortrag von Verena Michels eine anwendungsbezogene Perspektive auf Nachhaltigkeit mit konkretem Bezug auf den Kontext der Kulturproduktion.
Sie stellte ihr gemeinsam mit Vlasta Kubušová initiiertes Projekt SORRY WE ARE TRYING Biomaterials in Practice vor: eine praxis-orientierte Designausstellung mit dem Fokus auf der Implementierung von neuen, fossil-freien Ansätzen in der Gestaltung, Produktion und Verwertung von Material und Produkt.
Eine von Verena Michels und Vlasta Kubušová kuratierte Ausstellung in Bratislava 2021/22 präsentierte eine Gruppe von internationalen Designer*innen und Studios, welche sich der Erforschung und Etablierung von Biomaterialien widmen, und so versuchen, dem Plastikproblem etwas entgegenzusetzen. Die ausgestellten Designer*innen entwickeln und produzieren hochwertige Materialen und verschiedenste, ästhetisch durchdachte Alltagsgegenstände und arbeiten dabei mit Fruchtschalen, Bananenfasern, Zellulose, Pilzmyzel sowie Biokunststoffen auf Pflanzenbasis.
Der Erläuterung der einzelnen Projekte der ausgestellten Designer*innen stellte die Referentin folgende, für ihre Arbeit grundlegende Frage voran: „Was lässt sich lernen, wenn man die Wertschöpfungskette dekonstruiert und in die Phasen der Forschung, des Anbaus, der Ernte, des Fermentierens, des Formens, des Nähens, des Färbens, des Transports, des Verpackens usw. hineinzoomt?“
Die Referentin deutete während ihres Vortrages auch auf Herausforderungen und Probleme, denen sich die Designer*innen während ihrer jeweiligen Produkt- und Materilentwicklungsprozesse gegenübersahen und an welchen es noch zu arbeiten gilt, darunter: Empfindlichkeit der Materialien, die Überwindung der Test- bzw. Experimentierphase und der Übergang zu industriellen Produktionssystemen sowie die derzeit noch mangelnde Kompatibilität von Biomaterialien mit bestehenden Abfallkreisläufen.
Vor dem Hintergrund dieser Veranstaltung und der anschließenden Diskussion mit Interessierten an Kultur- und Gesellschaftsfragen, Gestalter*innen und anderen Akteuren aus dem Kultur- und Ausstellungsbetrieb, lässt sich zusammenfassend folgendes festhalten:
Nachhaltigkeit als Handlungsprinzip, als Grundlage von Entscheidungen, zieht sich durch jegliche Bereiche unserer Gesellschaft und ist weitaus komplexer als der bloße Verzicht auf Plastiktüten. Die Produktion von Dingen muss im Sinne des Nachhaltigkeitsparadigmas immer auch unweigerlich deren Weiterverwertung mitdenken und kann damit nicht nur zu einem gelingenden Leben menschlicher Akteure, sondern darüber hinaus zu einer sinnvollen Verlängerung des Lebens anderer Dinge und Organismen beitragen, indem ihre Daseinsform gewissermaßen einer Metamorphose unterzogen wird und ihnen neue Bedeutungen und Funktionen zukommen.
Es gilt auch und vor allem an den systemischen Bedingungen, den Strukturen von Produktion und gesellschaftlichem Umgang mit unserer natürlichen Mitwelt etwas zu ändern. Kultur und Kulturproduktion besitzen großes Potenzial für nachhaltige Entwicklungen. Sie können einen wichtigen Beitrag in der Vermittlung von Wissen, dem Anregen von Reflexionsprozessen und politischer und ökologischer Bewusstseinsbildung leisten, sollten dabei aber ebenso die eigenen Strukturen und Organisationsformen kritisch reflektieren, den Dialog suchen und Netzwerke bauen.