Spätestens seit der diesjährigen, gemeinschaftlich kuratierten documenta und der Istanbul Biennale dürfte klar sein: ein Trend hin zum Kollektiven zeichnet sich ab, vor allem in der Kulturlandschaft.
Ausstellungen und zahlreiche andere Projekte, die Produkt kreativer Arbeit sind, fallen vermehrt dadurch auf, dass sie nicht länger aus der Hand Einzelner stammen, sondern in der Gruppe erdacht, konzipiert und umgesetzt werden. Da stellt sich unweigerlich die Frage: ist der tradierte Mythos des individuellen Künstlergenies obsolet geworden?
Wir finden kreativ arbeitende Gruppen nicht nur in der Kunst – es gibt Architekturkollektive, Theaterkollektive, Kollektive von Filmregisseur*innen, ja sogar Kneipenkollektive – die Liste ist lang. Auch finden neue Ideen zu alternativen, hierarchiearmen Formen der Unternehmensführung, wie Selbstorganisation und genossenschaftliche Ausrichtung, vermehrt Beachtung.
Was zeichnet die kollektive Praxis eigentlich aus? Und was bedeutet das im Kontext von Kunst- und Kulturproduktion? Was kann ein Kollektiv, was das Individuum nicht kann? Welche Herausforderungen birgt die kreative Arbeit in der Gruppe und was macht das eigentlich mit unserer Vorstellung von künstlerisch-kreativer Autor*innenschaft?
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Projektteam
Gewerkdesign
Stefan Rothert
Birgit Schlegel
Jens Imig
Christina Storch
Antoine Laurent
Resümee
Der Kunstkritiker und Kulturjournalist Ingo Arend beleuchtete kollektive Kreativität und Praxis aus kunsthistorischer Perspektive. Angefangen bei Künstler*innengruppen im 19. und 20. Jahrhundert als Vorläufer künstlerischer Kollektive, zeichnete er die Entwicklung des Phänomens in seinem Vortrag unter Bezugnahme auf die jeweilige zeithistorische gesellschaftspolitische Gemengelage nach, auf welche diese Gruppen zu reagieren versuchten. So trugen etwa künstlerische Zusammenschlüsse wie die niederländische Gruppe De Stijl oder das deutsche Bauhaus maßgeblich zur Vorstellung von gemeinschaftlich erarbeiteten künstlerischen Werten und einer entsprechenden Ästhetik bei, die sich die sozialen Dimensionen von Kunst- und Kulturproduktion bewusst macht und künstlerisches Schaffen, zumindest teilweise, als gesellschaftlichen Auftrag versteht.
An diesem und ähnlichen Fallbeispielen aus moderner und zeitgenössischer Kunst, die der Referent in seinem Vortrag anführte, lassen sich bereits einige Tendenzen erkennen, die das Phänomen künstlerischer Kollektive in der Gegenwart ausmachen. So lässt sich einerseits eine Fokusverschiebung weg von den Kunstschaffenden, hin zur Kunst beobachten. Die Betonung liegt also auf dem Produkt kreativer Arbeit, statt auf dem künstlerischen Schaffensprozess und seiner Protagonist*innen. Häufig werden künstlerische Arbeiten dabei lediglich mit dem Namen des Kollektivs unterschrieben. Die Individuen treten also zugunsten der Gruppe in den Hintergrund und verweigern sich so einer mystisch-auratischen Aufladung, wie sie die lange vorherrschende Vorstellung vom Künstler als singulärem Genie noch implizierte. An anderer Stelle wird auch das physische Kunstwerk zweitrangig. Stattdessen rücken Prozesse und Diskurse in den Vordergrund. Dies ist vor allem bei praxisbezogenen, künstlerisch-sozialen Gruppenprojekten häufig der Fall, wie sie etwa bei der documenta fifteen zu sehen waren.
Daran anknüpfend stellte uns Ezra Dilger das Kollektiv Plus X vor, dessen Projekte sich an der Schnittstelle von Kunst, Raumplanung, Design und sozialer Arbeit bewegen. Das Kollektiv Plus X arbeitet von Halle und Leipzig aus. Die Arbeit des Kollektivs besteht aus urbanen Interventionen, die den öffentlichen Raum als Bühne begreifen und für eine lebendige Stadtkultur einstehen.
Das Kernteam besteht dabei aus vier permanenten Mitgliedern, begreift jedoch auch die jeweils an einem Projekt partizipierenden Individuen oder Gruppen als Teil des Kollektivs. „Plus X“ steht dabei für die jeweils für ein Projekt neu hinzukommenden Teile der Gruppe. Die aus unterschiedlichen Gestaltungsdisziplinen stammenden Mitglieder arbeiten seit Gründung des Kollektivs innerhalb einer Gruppenstruktur, in der jegliche kreative und administrative Entscheidungen basisdemokratisch getroffen und finanzielle Mittel – hauptsächlich über die Förderung einzelner Projekte durch Kulturstiftungen generiert – nach tatsächlichem Bedarf verteilt werden. Auch wird die jeweilige Leistung, die ein Mitglied der Gruppe innerhalb eines Projekts erbracht hat, nicht einzeln hervorgehoben oder mit Individualnamen versehen, sondern als gleichwertiger Beitrag zur Umsetzung des Gesamtkonzepts verstanden.
In seinem Vortrag stellte der Referent einige Projekte der letzten fünf Jahre vor. Darunter das Projekt „Bella Grünau“, welches mit temporären Architekturen in einer Plattenbausiedlung im Leipziger Stadtteil Grünau eine niedrigschwellige Begegnungsstätte für die Anwohner*innen schuf. In Zusammenarbeit mit dem ortsansässigen Kulturzentrum entwarf das Kollektiv ein Konzept für ein interaktives Kulturprogramm. Gestalterischer Ausgangspunkt der Installation war eine partizipative Pizzeria, in der die Anwohner*innen gemeinsam Pizza backen und miteinander in den Dialog treten konnten. Das Bestreben, kulturelle und politische Teilhabe für marginalisierte und benachteiligte Gruppen zu ermöglichen, zieht sich dabei durch alle Projekte des Kollektivs.
Kündigen diese Entwicklungen nun einen Paradigmenwechsel an? Etabliert sich zunehmend ein kollektivistischer Anspruch an Kunst, Kultur und dessen Rezipient*innen? Vor dem Hintergrund dieser theoretischen und anwendungsbezogenen Einblicke in die Thematik und einer anregenden Diskussion lässt sich abschließend zumindest konstatieren, dass kollektive Praktiken – historisch oder gegenwärtig – versuchen, gemeinschaftlich mit kreativen Mitteln auf gesellschaftliche Missstände zu reagieren und dabei selbst eine Modellform eines gesellschaftlichen „Wir“ erproben.